Aufzeichnung

Zeitgeist im Fokus – Können wir uns Werte heutzutage überhaupt noch leisten

In der neunten Ausgabe der Diskussionsrunde vom 18.02.2025 war die Politökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel (Autorin von „Werte – Ein Kompass für die Zukunft“) zu Gast. Mit Schneider sprach sie über die Relevanz von Werten in der heutigen Zeit. Angesichts globaler politischer Umbrüche, wachsender Zukunftsängste und der Klimakrise diskutierten beide, wie Werte als Fundament für gesellschaftlichen Zusammenhalt und nachhaltiges Wirtschaften dienen können.

Die Verführung des Populismus
Zu Beginn der Diskussion wurde analysiert, warum populistische Strömungen und der Ruf nach einer „starken Hand“ aktuell so viel Zulauf finden. Viele Menschen fühlen sich von der Komplexität der Krisen überfordert und sehnen sich nach emotionaler Entlastung. Populist*innen nutzen diese Überforderung, indem sie vermeintlich einfache Lösungen aus der Vergangenheit anbieten und auf Wut und Verachtung setzen, anstatt echte, konstruktive Lösungswege aufzuzeigen. Die aktuellen rasanten politischen Entwicklungen in den USA könnten für Europa jedoch ein heilsamer Schock sein, um sich auf eigene, demokratische Stärken zu besinnen.

Werte als Kompass in unsicheren Zeiten
Maja Göpel argumentierte, dass Werte in Phasen des Übergangs und der Unsicherheit die wichtigste Orientierung bieten. Anstatt auf reines Kalkül und Zynismus zu setzen, braucht die Gesellschaft verbindende Elemente wie Respekt, Fairness und den Schutz der Menschenwürde. Interessanterweise zeigen Studien, dass die Menschen in ihren Grundbedürfnissen und Werten viel näher beieinanderliegen, als es der polarisierte öffentliche Diskurs oft suggeriert. Göpel forderte, dass politische und ökonomische Institutionen diese Werte wieder stärker belohnen müssen.

Gegenentwürfe: Nachhaltigkeit und „Anerkennungsinseln“
Aus unternehmerischer Sicht warnte Reinhard Schneider vor einem Freiheitsbegriff, der sich auf rücksichtslose Gewinnmaximierung und Monopolbildung beschränk. Er plädierte dafür, attraktive Gegenmodelle aufzubauen, die er als „Anerkennungsinseln“ bezeichnet. Sowohl am Arbeitsplatz, als auch beim Konsum sollen Menschen spüren, dass ihr Handeln sinnvoll und wertgeschätzt ist. Ein wichtiger Schlüssel für die nachhaltige Transformation sei zudem das Teilen von Wissen (Open Innovation) – etwa indem ökologische Patente nicht blockiert, sondern der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden, um Fortschritt zu beschleunigen.

Wege nach vorn
Damit die Transformation gelingt, müssen laut den Expert*innen echte Kosten – inklusive der Umweltzerstörung („Schadschöpfung“) – in Preise integriert und umweltschädliche Subventionen endlich abgebaut werden. Entscheidend ist auch die Kommunikation: Klimaschutz darf nicht nur als „Verzicht, Verbot und Verlust“ geframed werden. Für den Alltag appellieren beide daran, im Gespräch zu bleiben, Meinungsverschiedenheiten ohne persönliche Abwertung auszuhalten und auch die eigene Fehlbarkeit gelegentlich mit Humor zu betrachten.