Aufzeichnung
Wie (un)sicher macht sich Europa?
In dieser vierzehnten Ausgabe der Diskussionsrunde am 8.1.2026 sprachen die preisgekrönten Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres (Autorinnen des Buches „Die Sicherheitslüge“) gemeinsam mit Reinhard Schneider über die enormen sicherheitspolitischen Risiken, die Europas Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen mit sich bringt.
Europas fatale Rohstoffabhängigkeit
Obwohl Deutschland beim Ausbau von Ökostrom große Erfolge feiert, besteht bei der sogenannten Primärenergie – also beim Heizen, im Verkehr und bei der Industrieproduktion – nach wie vor eine massive Abhängigkeit. Nahezu 98 % des benötigten Erdöls und Erdgases müssen importiert werden. Das bedeutet, dass Deutschland tagtäglich Milliardenbeträge ins Ausland überweist, nicht selten an autoritäre Regime. Diese fehlende Autarkie macht das Land geopolitisch extrem erpressbar.
Sicherheitsrisiken und hybride Kriegsführung
Die Expert*innen betonen, dass diese Importabhängigkeit längst als geopolitische Waffe („weaponizable dependencies“) eingesetzt wird. Rohstofflieferanten können durch Preisdiktate, die Sabotage von Infrastruktur (wie etwa am Beispiel des 9.000 km langen norwegischen Pipeline-Netzes diskutiert) oder durch politische Erpressung massiven Druck auf europäische Demokratien ausüben. Problematisch ist zudem, dass Europa weiterhin langfristige Verträge für Flüssiggas (LNG) mit Staaten wie den USA oder Katar abschließt, welche diese Verwundbarkeit für weitere Jahrzehnte zementieren.
Gefahr für die heimische Kreislaufwirtschaft
Reinhard Schneider warnte eindringlich davor, dass nicht nur die reine Energieversorgung, sondern auch die heimische Produktion stark bedroht ist. Durch massenhaft produziertes und extrem billiges Neuplastik aus fossilen Quellen (insbesondere aus riesigen neuen Anlagen in China) wird der europäische Mittelstand im Bereich Kunststoff-Recycling derzeit wirtschaftlich an die Wand gedrückt. Geht die heimische Recycling-Infrastruktur verloren, drohen im Falle von geopolitischen Krisen (z. B. einem Konflikt um Taiwan) drastische Engpässe bei Verpackungsmaterialien, die schnell zu leeren Supermarktregalen führen könnten.
Lösungsansätze und Ausblick
Um Europas Souveränität zu sichern, skizzieren die Gäste folgende Lösungswege:
- Umfassende Elektrifizierung: Sämtliche Lebensbereiche müssen zügig elektrifiziert und von fossilen Brennstoffen entwöhnt werden.
- Resilienz durch eigene Produktion: Europa muss die Herstellung elementarer Infrastruktur (wie Solar- und Windkraftanlagen) wieder stärker ins eigene Land verlagern.
- Stärkung des Recyclings: Es braucht rasche politische Anreize (wie sie beispielsweise Frankreich bereits umsetzt), um recyceltes Plastik gegenüber billigem Erdöl-Plastik wettbewerbsfähig zu machen und so die heimische Kreislaufwirtschaft zu retten.
Fazit: Nur durch eine konsequente Kreislaufwirtschaft und die beschleunigte Abkehr von fossilen Energien kann Europa seine Sicherheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit in einer krisenbehafteten Welt wahren.