Aufzeichnung

Europa wieder souveräner machen

In der 16. Ausgabe des Formats „Die Zuversichtlichen“ am 4.3.2026 diskutierten Prof. Dr. Andrea Büttner (Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung) und Reinhard Schneider über den Zusammenhang zwischen Kreislaufwirtschaft und globaler Versorgungssicherheit. Zentrales Argument des Gesprächs war, dass Recycling nicht nur ein ökologisches Thema ist, sondern essenziell für die geopolitische Resilienz und innere Sicherheit Europas.

Giftstoffe in Alltagsprodukten und hochwertiges Recycling
Prof. Büttner schilderte, wie sie durch ihre Geruchsforschung auf stark ausgasende und teils giftige Substanzen in Konsumgütern – wie etwa importiertem Kinderspielzeug – aufmerksam wurde. Sie betonte, dass viele minderwertige und mit Chemikalien belastete Kunststoffe den europäischen Markt überschwemmen. Dies stellt nicht nur ein Gesundheitsrisiko dar, sondern erschwert auch das heimische Recycling massiv. Büttner und Schneider plädieren beide für ein konsequentes Produktdesign nach dem „Cradle to Cradle“-Prinzip, bei dem von Beginn an auf schädliche Additive verzichtet wird, um giftfreie und kreislauffähige Materialien zu garantieren.

Geopolitische Abhängigkeit und Resilienz
Ein großer Teil der Diskussion widmete sich der europäischen Erpressbarkeit durch den Import fossiler Rohstoffe. Reinhard Schneider warnte davor, dass Europa seine Abhängigkeit von russischem Gas vielerorts lediglich gegen eine neue Abhängigkeit (z.B. von amerikanischem LNG oder asiatischen Lieferketten) eingetauscht hat. Um strategisch souverän zu werden und die Lieferketten – sinnbildlich „die vollen Supermarktregale“ – dauerhaft abzusichern, müsse Europa Rohstoffe in echten, heimischen Kreisläufen führen, anstatt permanent neues, erdölbasiertes Plastik zu importieren.

Herausforderungen bei Bioplastik und Regulierung
Einen kritischen Blick warfen die Gäste auch auf Bioplastik: Sogenannte biobasierte Kunststoffe bestehen chemisch oft aus denselben Bausteinen wie Erdölplastik und fördern durch den Anbau von Zuckerrohr oder Mais kritische Monokulturen. Biologisch abbaubare Kunststoffe wiederum verunreinigen häufig die etablierten Recyclingströme, weshalb hochwertiges, mechanisches Recycling zu bevorzugen sei. Obwohl es gute EU-Verordnungen gibt, scheitert es in der Praxis an der Kontrolle. Büttner schlug vor, intelligente Sensortechnologien einzusetzen, um minderwertige Importe bereits bei der Einfuhr zu identifizieren.

Fazit und politischer Appell
Die Diskutanten schlossen mit einem Appell an die Politik: Die Kreislaufwirtschaft muss künftig nicht mehr nur als „grünes“ Umweltthema, sondern als harte Strategie zur Gewährleistung der nationalen Sicherheit und wirtschaftlichen Unabhängigkeit verstanden werden. Schneider regte an, heimische Recycler durch ein Bonus-Malus-System zu unterstützen, damit umweltfreundliche und sichere Materialien dauerhaft wettbewerbsfähig gegenüber billigem, importiertem Neuplastik bleiben.