Aufzeichnung
Wie viel Zuversicht braucht die Kreislaufwirtschaft?
In der 12. Ausgabe des Diskussionsformats „Die Zuversichtlichen“ am 6.10.2025 sprachen Jörg-Andreas Krüger (Präsident des Naturschutzbundes Deutschland, NABU) und Reinhard Schneider über die Notwendigkeit, Herausforderungen und Potenziale der Kreislaufwirtschaft. Im Zentrum der Debatte stand die Frage, wie Europa und insbesondere Deutschland den Wandel hin zu einer ressourcenschonenden Wirtschaft erfolgreich meistern können.
Ressourcenverbrauch und Biodiversität
Jörg-Andreas Krüger verdeutlichte zu Beginn den direkten Zusammenhang zwischen unserem Konsum und dem Naturschutz: Jeder Mensch in Europa verbraucht durchschnittlich etwa 16 Tonnen Rohstoffe pro Jahr. Dieser massive Rohstoffabbau ist weltweit einer der größten Treiber für den Verlust an Biodiversität und gefährdet intakte Ökosysteme. Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft ist daher keine Modeerscheinung, sondern zwingend erforderlich, um unsere planetaren Lebensgrundlagen zu sichern.
Deutschlands Rolle: Vom Vorreiter zum „Bremsklotz“
Ein großes Problem, das in der Diskussion angesprochen wurde, ist die aktuelle politische Haltung Deutschlands. Durch das sogenannte „German Vote“ blockiert oder verwässert die Bundesrepublik auf EU-Ebene häufig ambitionierte Nachhaltigkeitsziele, um etablierte, lineare Industrien zu schützen. Während europäische Nachbarländer wie Frankreich oder Dänemark mutig voranschreiten, droht Deutschland den Anschluss an zukunftsweisende Recycling-Technologien zu verlieren.
Gesetzgebung und die Pflicht der Industrie
Auf EU-Ebene werden mit Instrumenten wie dem Circular Economy Act und der Erweiterten Herstellerverantwortung wichtige Weichen gestellt. Das Ziel ist ein Systemwechsel: Unternehmen sollen für den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte verantwortlich gemacht werden – von der Reparierbarkeit bis zum echten Recycling. Reinhard Schneider warnte jedoch vor Schlupflöchern: Eine falsch verstandene „Technologieoffenheit“ oder schwache Regularien können dazu führen, dass billiges Downcycling (z. B. das Einschmelzen von Plastik zu Parkbänken) gefördert wird, anstatt echte, hochwertige Kreisläufe zu etablieren.
Die Bedeutung der Psychologie: Zuversicht statt Angst
Um Bürger*innen und Politiker*innen für den Wandel zu gewinnen, plädierten beide Experten für einen radikalen Kurswechsel in der Kommunikation. Anstatt ausschließlich mit Weltuntergangsszenarien und Verzicht zu argumentieren, müssen konkrete Lösungswege und positive Anreize im Fokus stehen. Konsument*innen können durch bewusstes Kaufverhalten (etwa durch die Wahl langlebiger, reparierbarer Produkte oder Verpackungen aus Rezyklat) aktiv Teil der Lösung werden und wirtschaftlich „mit den Füßen abstimmen“.
Fazit: Die Kreislaufwirtschaft bietet enorme wirtschaftliche und ökologische Chancen. Es bedarf nun jedoch des politischen Mutes, den Rahmen für Innovationen zu setzen, sowie der gesellschaftlichen Zuversicht, neue Wege experimentierfreudig und gemeinsam zu gehen.