Aufzeichnung
Greenwashing entlarven – Echte Lösungen für eine nachhaltige Zukunft erkennen
In der fünften Ausgabe der Diskussionsrunde „Die Zuversichtlichen“ vom 17.4.2024 sprach Reinhard Schneider mit Christian Salewski (Wirtschaftsjournalist und Mitgründer des Start-ups Flip) über den schmalen Grat zwischen echten Nachhaltigkeitsversprechen und sogenanntem Greenwashing.
Der Mythos des „Ocean Plastic“
Als zentrales Beispiel der Diskussion diente das Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft von der WM 2022. Adidas bewarb dieses offensiv mit dem Slogan „Made with Parley Ocean Plastic“. Die Recherchen von Flip zeigten jedoch, dass das Material größtenteils nicht direkt aus dem Ozean stammt, sondern als „Ocean-bound Plastic“ aus dem Inland von Ländern wie Thailand und den Philippinen bezogen wurde – teilweise unter prekären Arbeitsbedingungen. Der Begriff „Ozeanplastik“ ist dehnbar und umfasst oft Müll, der bis zu 50 Kilometer von der Küste entfernt gesammelt wird.
Die Recycling-Sackgasse und Mikroplastik
Reinhard Schneider erklärte die physikalischen Grenzen des Recyclings: Echtes Ozeanplastik ist durch Salz und UV-Strahlung oft zu porös für hochwertige Textilien. Wenn gut recycelbare PET-Flaschen zu Kleidung verarbeitet werden, landen sie in einer echten „Sackgasse“, aus der sie nicht wieder zu neuen Flaschen werden können. Zudem setzen diese Textilien beim Waschen Unmengen an Mikroplastik frei, das letztendlich wieder im Meer landet. Echtes Recycling bedeutet stattdessen, Materialien ohne Qualitätsverlust im Kreislauf zu halten.
Die Ablenkungsfalle der Großkonzerne
Konzerne nutzen oft emotionale Bilder (z. B. gerettete Meeresschildkröten) oder kleine Pilotprojekte, um von den strukturellen Problemen in ihrem Kerngeschäft abzulenken – Schneider nennt dies die „Ablenkungsfalle“. Auch etablierte Siegel bieten nicht immer absolute Sicherheit. So deckte Flip auf, dass ein mit dem staatlichen Siegel „Grüner Knopf“ beworbenes Kleidungsstück von Lidl unter Missachtung von Arbeitsrechten in einer Militärdiktatur in Myanmar produziert wurde.
Trotz dieser kritischen Beispiele gibt es Lösungswege, die von beiden Experten hervorgehoben wurden:
Fokus auf Langlebigkeit
Kleidung sollte reparierbar und lange nutzbar sein (Positivbeispiele aus der Textilindustrie sind z. B. Patagonia oder VAUDE).
Macht der Verbraucher*innen nutzen
Kund*innen haben durch ihre Kaufentscheidung einen direkten Einfluss auf die Wirtschaft. Portale wie „Siegelklarheit“ helfen bei der Orientierung im Label-Dschungel.
Stärkere Regulierung
Es braucht Gesetze, wie die europäische Green Claims Directive, um das finanzielle Risiko und das „Ertappungsrisiko“ für Greenwashing deutlich zu erhöhen.
Wirtschaftliche Anreize
Da neues Plastik aus Erdöl oft immer noch billiger ist als recyceltes Material, muss die Politik Anreize schaffen, damit sich echtes Recycling auch finanziell für die Unternehmen lohnt.